16. Februar 2018

Verzichten - Ein paar Gedanken zum Glutenfrei-Hype, Fastenzeit und Nachhaltiger Mode. {Kolumne}



Vor ein paar Tagen saß ich im Zug zu meinen Eltern und hörte in einem Nebensatz: Die Fastenzeit hat heute angefangen. Oh, da war ja was. Über mögliche Vorsätze hatte ich bis dahin dementsprechend gar keine Gedanken gemacht, weil ich das Fasten überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Und aus dem Stehgreif fiel mir nichts Gutes ein, auf das ich jetzt verzichten könnte.


Auf spezielles Essen wie Süßigkeiten oder Essen-Gehen habe ich noch nie verzichtet, weil ich seit der Pubertät gewichtsmäßig knapp an der Grenze zum Untergewicht stehe und kleine Snacks zwischendurch für mich wichtig sind. Soziale Netzwerke habe ich schon einmal und damals auch sehr gerne gefastet, aber mit der bevorstehenden Fernbeziehung und den ständigen Ortswechsel in der nächsten Zeit möchte ich die Möglichkeit nicht missen, mich unkompliziert mit anderen über Instagram und Co zu vernetzen und auszutauschen. Nicht zwingend notwendigen Konsum zu fasten ist für mich auch eher im kommenden Semester sinnvoll, wenn ich wieder fest an einem Ort bin, zumal ich mir aus Wien gerne ein spezielles Souvenir mitbringen möchte. Und gleich in der ersten Woche gegen das Fastengebot zu verstoßen? Dann doch lieber ein anderes Mal und dann richtig. (Auf den christlichen Aspekt der Fastenzeit möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen.) 

Bei meinen Überlegungen, was ich denn fasten könnte, bin ich gedanklich wieder zu einem Thema gekommen, das mir immer wieder durch den Kopf geht: Welchen Luxus das bewusste Verzichten-Können doch darstellt. Und während ich (mal wieder) im Zug sitze, möchte ich diese Gedanken etwas weiterspinnen und ausformulieren. Eine kleine Kolumne also? Wir werden sehen.

Für mich persönlich gibt es drei Bereiche, in denen ich dauerhaft auf etwas verzichte. Ich nehme keine glutenhaltigen Nahrungsmittel zu mir, kaufe nur nachhaltige oder gebrauchte Kleidung und verzichte auf sorbitolreiches Essen wie Äpfel, Steinobst oder Diätgetränke. Es gibt sicher noch mehr, zum Beispiel versuche ich so wenig wie möglich zu fliegen und nehme stattdessen, wann immer es möglich ist, den Zug. Aber spontan fielen mir diese drei Verzichte ein, weil meine Motivation für den Verzicht jeweils ganz unterschiedlich ist.


Verzichten-Müssen


Gluten meide ich - wie sicher einige von euch wissen - strengstens, weil winzige Mengen in meinem Körper eine Autoimmunreaktion auslösen, die unter dem Krankheitsbild Zöliakie zusammengefasst wird. Man könnte auch sagen, dass ich darauf verzichten muss, aber ich versuche gerade bei diesem Thema, das Wort „müssen“ gedanklich so gut es geht zu vermeiden. Stattdessen versuche ich bewusst zu denken: Ich verzichte komplett auf Gluten, weil ich dadurch schwere Mangelzustände und Tumore verhindere, am Alltag teilhaben und Ziele wie mein Studium, Reisen oder Zeit mit Familie und Freund_Innen verwirklichen kann. Fakt ist aber, dass selbst die kleinste Menge Gluten wie die Krümel in einem Toaster oder am Buttermesser eine Entzündung in meinem Darm auslöst und ich dadurch krank werde. 

Das Verzichten auf Gluten ist für mich mit den Jahren und auch mit dem wachsenden Angebot leichter geworden. Ich wünsche meine Krankheit niemandem und sehe Ernährung an sich als Privatsache, die jede_r so gestalten kann, wie es für einen am besten passt. Und ich profitiere vom derzeitigen Glutenfrei-Hype in gewisser Weise, weil durch die größere Nachfrage mittlerweile auch mittelgroße Supermärkte und sogar manche Restaurantketten wie Vapiano glutenfreie Produkte anbieten. 

Und gleichzeitig erwische ich mich immer wieder, wie ich mich über Menschen ärgere, die sich durch eine glutenarme oder Ab-und-zu-glutenfreie Ernährung online profilieren und an einem Tag ihre glutenfreie Frühstücks-Bowl in die Kamera halten, dann aber doch wieder in den Standard-Kebab von nebenan beißen. 

Da ist sicher auch ein Stück Neid dabei, weil ich eben nicht den einen Tag so, den anderen Tag anders essen kann. Ich habe seit meiner Diagnose vor vier Jahren keinen Döner gegessen habe und zur Faschingszeit umgehe ich Bäckereien mit leckeren Berlinern in großem Bogen, weil mir solche vertrauten Lebensmittel manchmal extrem fehlen und der Verzicht mich in manchen Situationen traurig und niedergeschlagen macht. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass meine Krankheit und die Ernsthaftigkeit, mit der Zöliakie-Betroffene auf die strenge Glutenfreiheit ihres Essens achten, immer unsichtbarer und teils auch nicht ernstgenommen wird, wenn die Mehrzahl die glutenfreie Ernährung nur halbherzig durchzieht und auf Kontamination durch Brotkrümel oder falsche Zubereitung gar nicht achtet. Glutenfrei als Trend macht für mich einiges leichter, vieles aaber auch schwieriger.

Verzichten-Sollen


Dabei handhabe ich meinen Verzicht auf Sorbitol genau so wie die Menschen, über die ich mich gerade noch geärgert habe. Meine Sorbitolintoleranz macht sich zwar nach einem Glas Wein oder Apfelsaft bemerkbar, aber wenn ich will, kann ich ab und zu gut einen Becher Glühwein trinken, Sauerkirschmarmelade auf mein Brötchen schmieren oder den Ingwershot mit Apfelsaft trinken. Je nachdem, wie wichtig mir in dieser Situation der Genuss und die Geselligkeit ist, nehme ich etwas Bauchschmerzen und Blähungen gerne ein- oder zweimal im Monat in Kauf. In der restlichen Zeit weiß ich, dass ich mir durch den Verzicht konkret etwas Gutes tue. 

Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass dieses Verzichten-Können ein Privileg ist, das andere nicht haben, die beispielsweise unter einer medikamentösen Dauertherapie komplett auf Alkohol verzichten müssen oder eine Fruktosemalabsorption haben. Mal abgesehen davon, dass das bewusste Vorziehen von exotischen Früchten, die wenig Sorbitol enthalten, auch ein finanzieller Luxus ist, den sich Menschen mit geringem Einkommen oder Menschen, die auf externes Essen aus Kantinen oder Mensen angewiesen sind, vielleicht auf Dauer nicht leisten können. Wie überhaupt die Tatsache, dass ich zu einem Arzt gehen kann, der mich auf die Intoleranz testet und das Ganze dann über die gesetzliche Krankenkasse abrechnet, in vielen Teilen der Welt nicht selbstverständlich ist.

Verzichten-Können


Nachhaltige Mode war eine Weile mein Lieblingsthema und ist mittlerweile zu einem selbstverständlichen Teil meines Lebens geworden. Ich kaufe neue Kleidung und Schuhe am liebsten gebraucht und sonst von nachhaltigen Labels, die auf faire Produktionsbedingungen und ökologisch günstige Materialien achten. Das ist eine Entscheidung, die ich ganz bewusst und frei getroffen habe.
Dass ich die Fast-Fashion-Industrie so einfach umgehen kann, zeigt meine Privilegiertheit im bewussten Verzichten-Können noch deutlicher, finde ich. Ich meine, schon alleine die Tatsache, dass ich mir einmal im Semester ein fair produziertes Kleidungsstück für über 80€ kaufen kann, wenn ich an anderer Stelle etwas spare, ist Luxus und für viele einfach finanziell nicht möglich. Und dass ich die gedanklichen Kapazitäten habe, mich mit Themen wie Nachhaltigkeit und ethischem Konsum auseinanderzusetzen, weil mein Kopf nicht von existentiellen Sorgen belegt wird.



Das bewusste Verzichten auf etwas tut gut. 

Gerade in einer Zeit, in der man im Supermarkt erschlagen wird vom Angebot, es an jeder Ecke Kleidungsgeschäfte, Imbisse und den neusten Mid-Winter-Sale gibt. Wenn ich H&M, Zara und Co meide, verbanne ich damit auch die Versuchung, ständig die neuesten Trends zu tragen und doch noch ein Schnäppchen zu finden. Wenn ich auf Plastikmüll verzichte, hilft das nicht nur der Umwelt, sondern auch mir dabei, nicht ständig an Imbissbuden etwas zu kaufen, obwohl ich eigentlich gar keinen Hunger habe. Und wenn ich bewusst auf manche Inhaltsstoffe verzichte, sei es in der Kosmetik oder im Essen, reduziert sich das Überangebot, das im Supermarkt auf mich einprasselt, auf einmal auf eine überschaubare Menge. Kein Wunder, dass Minimalismus, Capsule Wardrobes und spezielle Ernährungsformen ohne Zucker/Tier/Fett seit einer Weile so extrem angesagt sind. 

In einer Zeit, in der unser Leben immer schneller und unübersichtlicher wird, geben einem solche bewussten Verzichte ein Gefühl von Selbstbestimmtheit, Kontrolle und Unabhängigkeit. Die Option, alles (theoretisch) zu jeder Zeit machen und haben zu können, macht uns auf Dauer nicht glücklich und frei, selbst wenn Werbeanzeigen uns das vorgaukeln.

Und gleichzeitig ist das Verzichten-Können ein Privileg, das sich beispielsweise Menschen mit gesundheitlichen oder körperlichen Problemen, in finanziellen Nöten oder mit einer zeitlichen Überauslastung nicht immer leisten können. Vom bewussten Verzicht sind immer Menschen ausgeschlossen und zwar mehr, als einem spontan einfallen. Das ist etwas, das meiner Meinung nach immer mitgedacht werden sollte, wenn man in Gesprächen oder in Sozialen Netzwerken den bewussten Verzicht als einen Schlüssel zum Glück darstellt.


Fastest du, und wenn ja, was? Oder verzichtest du im Alltag allgemein bewusst auf bestimmte Dinge?
Gibt es Bereiche, in denen du dich vom Verzichten-Können ausgeschlossen fühlst?

Alles Liebe,
Miri

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